Dass eine Krebserkrankung jeden Menschen treffen kann, ist bekannt. Wenn jedoch ein engagierter Oberarzt, der seit vielen Jahren eine Intensivstation leitet und erfolgreich in Klinik und Forschung tätig ist, erkrankt, kehren sich die Rollen von Arzt und Patient um. Dies geschieht Professor Dr. Thomas Bein, Autor des Buches „Ins Mark getroffen“. Kurz vor der Corona-Pandemie wird bei ihm ein Multiples Myelom diagnostiziert. Die Behandlung umfasst nach einer ersten Chemotherapie eine Hochdosischemotherapie mit autologer Stammzelltransplantation. Ein kleiner Rest Krebszellen im Knochenmark entzieht sich jedoch der intensiven Behandlung, sodass Professor Bein im Rahmen der Nachsorge in regelmäßiger Kontrolle verbleibt. Aufgrund seines angegriffenen Immunsystems ist er nun zudem Hochrisikopatient bezüglich Infektionen. Seine Tätigkeit als Intensivmediziner muss er daher aufgeben. Er ist aber weiterhin in der Forschung tätig.
Aus dem Rollentausch vom erfolgreichen Arzt zum ängstlichen, verunsicherten und mit dem Tod konfrontierten Patienten erwächst das Buch „Ins Mark getroffen“. Während mit Ausnahme der Chemotherapie, Stammzelltransplantation und Nachsorge die eigentliche Krebstherapie eine untergeordnete Rolle spielt, hinterfragt Professor Bein vor dem Hintergrund seiner eigenen Beobachtungen und Erlebnisse als Patient die Humanität der Hochleistungsmedizin. Angesprochen werden unter anderem die Empathie des Arztes gegenüber dem Patienten, eine gute Gesprächsführung mit dem Patienten unter Nutzung einer allgemein verständlichen Sprache und der Berücksichtigung der Körpersprache sowie die Akzeptanz der Endlichkeit des Lebens. Von Bedeutung für die Überlegungen ist die Tatsache, dass sich Professor Bein über sein gesamtes Berufsleben mit der Medizinethik befasst und versucht hat, ein empathischer Begleiter der Patienten auf der Intensivstation und ihrer Angehörigen zu sein.
Professor Bein fasst seine Erfahrungen und Überlegungen im Rahmen seiner Krebserkrankung wie folgt zusammen:
„Ich bin froh, dass ich von einem modernen Netz von Therapieangeboten aufgefangen wurde. Ich weiß, dass jeder Tag ein Geschenk der Forschungsleistung der aktuellen Medizin ist. Ich wünsche mir andererseits, dass das ungeheure Wissen und die technische Perfektion der Spitzenmedizin immer in Einklang mit einer zutiefst empfundenen Humanität und dem Verständnis für den Kranken verbunden bleiben. Und dass die moderne Medizin auch akzeptieren kann, dass sie trotz des Fortschritts immer dem Tod Platz machen muss. Daher habe ich es als meine Aufgabe angesehen, meinen Rollentausch vom Arzt zum Patienten zu beschreiben. Ich wollte auf dem Boden dieser doppelten Perspektive, die ich durch mein Arztsein und meine Patientenkarriere gewinnen konnte, die Gelegenheit ergreifen, um auf spezielle Erfahrungen und Beobachtungen in der Medizin hinzuweisen. Ich wünsche und hoffe, dass ich hiermit Patienten, gesunde Menschen und vor allem auch Kolleginnen und Kollegen, die sich täglich der Leiden und Probleme anderer Menschen annehmen, etwas zum Nachdenken anregen konnte.“
„Ins Mark getroffen“ ist ein hochinteressantes Buch für gesunde und erkrankte Menschen, die an philosophischen und ethischen Fragen im Rahmen der Spitzenmedizin und insbesondere der Krebsbehandlung interessiert sind – und insbesondere Ärzte, die in der heutigen Hochleistungsmedizin tätig sind und nicht notwendigerweise die Humanität im Blick haben, dürften einen Nutzen aus dem Buch ziehen!
Rezensentin: Dr. rer. nat. Birgit Grohs, DLH-Patientenbeistand
Professor Dr. Thomas Bein, 1. Auflage 2021, 224 Seiten, ISBN 978-3-426-27854-3, Gebundenes Buch: 18,00 Euro, Elektronische Form: 14,99 Euro (Droemer Verlag, München)



